Geschichte über die Nachkriegszeit

Das Dorf Schmidt war im Februar entlang der Monschauer und Heimbacher Straße fast vollständig zerstört.
Die Amerikaner waren selbst überrascht über die Zerstörungen, die sie vorfanden.
Kommerscheidt war total zerstört. Hier war jedes Haus eine Festung gewesen und hatte mehrmals den Besitzer gewechselt.
In Froitscheidt und Harscheidt war die Zerstörung nicht gar so schlimm.
Überall auf den Wiesen lag Munition.
Es gab Mienenfelder, die nicht als solche bekannt waren.
In den Stellungen fanden wir gefallene Soldaten.
Fahrzeuge aller Art vom Fahrrad bis zum Panzer und zum abgeschossenen Flugzeug lagen auf den Feldern.
Die Soldaten waren oft noch in den Fahrzeugen.
Manches Panzerfahrzeug war ausgebrannt.
Die Besatzung war zu Asche verbrannt.
Gewehre, Maschinengewehre, Kanonen, Granaten aller Kaliber wurden gefunden.
Mit dem Fuhrwerk mußten die Bauern oft die umher liegende Munition zusammenfahren.
Das war gar nicht ungefährlich.
Viele Menschen wurden auch nach dem Kriege noch Opfer dieser herumliegenden Munition.
Deutsche Pioniere wurden eingesetzt, um die Munition zu sprengen.
Fast jede Woche in den Sommer nach dem Kriege brachen Waldbrände aus.
Jede Menge Munition explodierte dabei.
Noch 1995 bei einem Waldbrand im >Brand< bei Schmidt explodierten zwei Granaten sehr zum Schrecken der Feuerwehrleute.
Besonders schlimm wüteten die Waldbrände im Jahre 1947, da es ein sehr heißes und trockenes Jahr war.
Sogar im Hohen Venn brach ein Moorbrand aus.
Die Rauchschwaden zogen bis zu uns hier nach Schmidt.
Alle Feuerwehren aus dem ganzen Kreis Monschau waren damals im Einsatz, doch erst ein kräftiger und lang anhaltender Regen konnte diesen Brand löschen.
Die Kirche, die Schule waren zerstört.
Es gab kein Wasser aus der Leitung.
Es gab jedoch fast an jedem Haus noch einen Brunnen.
Das Wasser, das man dem Brunnen entnahm, mußte man vorher mit Hilfe von speziellen Pillen entseuchen und abkochen.
Trotz aller Vorsicht gab es Fälle von schweren Darmerkrankungen, die oft zum Tode führten, da kein Arzt in der Nähe war.
Alle Kraftfahrzeuge wurden den Alliierten unterstellt.
Benzin war rationiert.
Kranke und von Munition Verletzte mußte man mit dem Pferde- oder Ochsenfuhrwerk zum Krankenhaus transportieren.
Auf den Feldern wimmelte es von Ratten und Mäusen, ebenso in den Häusern.
Zu diesen Tieren gesellten sich Läuse und Flöhe, die nur sehr schwer wieder zu entfernen waren.
Alle Heimkehrer, die aus der Evakuierung nach Schmidt zurückkamen, wurden .
Beim Überschreiten der Brücke in Brück oder an sonstigen vorher festgelegten Stellen, wurden sie mit DDT-Puder regelrecht vernebelt.
Doch lediglich peinlichste Sauberkeit vertrieb die am besten.
Essen war knapp.
Man mußte sich mit allem selbst versorgen.
Oft wurde noch das Getreide des Vorjahres geerntet.
Das war nicht ungefährlich, da überall Minen und Blindgänger auf den Wiesen, Feldern und in den Wäldern zu Tausenden anzutreffen waren, oft gut versteckt.
Im Sommer 1946 wurde Maismehl ausgegeben.
Da man hier das Brot nur als Brotlaib kannte, formte man das Maismehl ebenfalls zu solchen Brotlaiben.
Diese fielen jedoch bald auseinander, und man hatte nur ein Häufchen Maismehl in den Händen, das man aus der hohlen Hand essen mußte.
Es gab weder Nagel noch Hammer oder Zange, ganz zu schweigen von einem Brett oder gar Zement oder Sand.
Doch hier half die Front: Überall in den Stellungen fand man Bretter, Munitionskisten, Benzinkanister, Hacken, Schaufel, Äxte und weiteres Gerät.
Oft waren diese Werkzeuge nicht in einem besonders guten Zustand.
Die Munitionskisten wurden aufgebrochen, die Nägel vorsichtig aus den Brettern geschlagen, waren sie krumm, wurden sie wieder gerade geklopft.
Fand man einen Kanister, wurde er auf einen evt. Rest Brennstoff untersucht.
Die Häuser am Abend wurden mit Hilfe von Kerzen erhellt.
Manche hatten Karbittlampen.
Diese brannten zwar sehr hell, doch hatten sie die unangenehme Eigenschaft, bei falscher Behandlung zu explodieren.
Mühsam suchte man in den Trümmern nach Brauchbarem, jedes Brett, jeder Dachziegel, jeder Ziegelstein war ein sehr wertvolles Fundstück.
Notdürftig bastelte man sich eine Unterkunft im Keller des zerstörten Hauses oder in der zerschossenen Scheune.
Einige bauten sich sogar Unterkünfte aus Ginsterreisig.
In den Stellungen der Amerikaner fand man kleine Büchsen mit Notrationen.
Sie enthielten ein paar Zigaretten, etwas Schokolade und ein paar Kekse.
Oft fand man auch eine große Büchse mit Wurst oder Fleisch.
Dies war ein Glücksfall.
Mit dem Blech aufgeschlitzter Benzinkanister deckte man das Dach, die Kartuschen der Granaten wurden oft zu Blumenvasen verarbeitet, aus den Stahlhelmen der Wehrmacht machte man Schüsseln, die umher liegenden Reifen wurden zu einfachen Sandalen verarbeitet.
Schon kurz nach der Eroberung durch die Amerikaner kamen die ersten Einwohner aus der Evakuierung zurück.
Zwischen März und Mai 1945 kamen dann auch die zurück, die etwas weiter in der Evakuierung waren.
Der weite Weg mußte zu Fuß gemacht werden.
Hinter sich zog man einen Handkarren mit den nötigsten Gegenständen oder man schleppte alles auf dem Rücken nach Hause.
Herbert Lennartz erzählte mir, daß er von Düren auf nackten Füßen nach Schmidt gelaufen ist.
Außer einer zerrissenen Uniform hatte er nichts, was ihm geblieben war.
So wie ihm erging es auch vielen anderen.
Sehr spät kehrten die Menschen zurück, die Anfang September evakuiert wurden und in Thüringen oder sonst wo in der russischen Besatzungszone waren.
Schule und Kirche waren zerstört.
Auf dem neuen Teil des heutigen Friedhofes stand die , eine Baracke.
Hier wurde bis 1950 der Gottesdienst abgehalten.
Auch mußten wir hier zur Schule.
In der Sakristei stand ein großer Ofen.
Im Winter mußte jeder etwas Brennbares mitbringen, damit der Ofen geheizt werden konnte.
Ich erinnere mich noch gut an den kalten Winter 1947.
Es war fast –30 Grad.
Auch in der Sakristei war es trotz des großen Ofens, der fast rotglühend geheizt war, bitter kalt.
Abwechselnd durften wir Kinder dann an den Ofen, um uns zu wärmen.
Da ich vor Kälte zitterte, wurde ich von der damaligen Lehrerin Frau Dr. Lüttgenau ermahnt, ruhig zu sitzen.
Da ich dies jedoch nicht konnte, wurde mir der Platz am wärmenden Ofen verwehrt.
Doch nach einiger Zeit sagte Frau Dr. Lüttgenau zu mir:
“Ludwig, weil du so weit von Harscheidt kommst, darfst du doch noch an den Ofen".
So konnte ich mich doch noch wärmen, bevor ich dann wieder in die Kälte mußte und nach Hause ging.
Nach dem die Gastwirtschaft im Schützenhof wieder einigermaßen hergestellt war, wurden wir hier unterrichtet.
Zu sechs Schüler teilten wir uns ein Lesebuch.
Geschrieben haben wir auf Pappkarton oder Zementtütenpapier.
Die Schiefer der zerstörten Kirche dienten als Tafel, irgendein Nagel war der Griffel. Später wurde dann auch in der Gastwirtschaft Nießen in Harscheidt Unterricht abgehalten.
Dazu kam noch ein Raum in der zerstörten Schule, dort, wo heute die Bücherei und das Lehrerbüro sind.
Egal wie, gelernt haben wir trotz dem etwas.
Bei unserem letzten Klassentreffen der Volksschulklasse fragte ich meinen Nachbarn:
“Erinnerst du dich noch an das Gedicht "?
Dieser sagte nun das ganze Gedicht auf.
Doch damit nicht genug: auch alle anderen fingen an, die gelernten Gedichte vorzutragen.
Von 2 bis 3.30 Uhr am frühen Morgen hatten wir dann eine regelrechte Literaturstunde bei unserem Klassentreffen.
Gut war es, daß es gab.
In den einzelnen Häusern, in denen der Unterricht abgehalten wurde.
In der Gastwirtschaft Nießen in Harscheidt, im Schützenhof, in der Schule wurde Erbsensuppe, Kakaosuppe, Milch mit Reis und Rosinen gekocht.
Einmal im Monat gab es dann noch Erdnüsse.
Einmal erhielten wir sogar einen Weckmann, damals für uns etwas ganz Unbekanntes.
Neben dem Unterricht hatten die Schüler noch eine zweite Aufgabe:
Sie mußten Kartoffelkäfer sammeln.
So zogen sie an bestimmten Tagen in die Kartoffelfelder und pflückten die mit roten Larven befallen Blätter der Kartoffelpflanzen ab.
Mal war man in Schmidt auf den Feldern, mal war es eine andere Gemarkung, in der man diesen Schädlingen zu Leibe rückte.
Die gefundenen Larven oder Käfer wurden in einem Behälter gesammelt und nachher zertreten.
Damals mußten übrigens alle Kartoffelkäfer sammeln, nicht nur die Kinder in der Schule.
Nachmittags trafen sich die Nachbarn, und dann zog man los auf die Felder.
Die gesammelten Käfer und Larven dienten zu Hause den Hühnern als Futter.
Doch erst als man Spritzmittel gegen den Käfer einsetzte, gelang es, den Befall zu stoppen.
Oft war es schwierig, im Sommer Trinkwasser für die Schüler zu bekommen.
Es gab ja keine Wasserleitung mehr.
Auch die Toiletten waren nicht die besten.
Die hygienischen Bedingungen waren sehr schlecht.
So kam es, daß es gerade in der Schule viele Läuse gab.
Ein Mädchen, das Läuse hatte, mußte mehrere Tage eine Kopfbedeckung mit einer Lysollösung tragen.
Den Jungen wurden einfach die Haare abgeschnitten.
Es war nicht verwunderlich, wenn also in der Klasse mehrere Mädchen um ihren Kopf hatten und einige Jungen mit kahl geschorenen Köpfen in den Bänken saßen. Auch ich hatte das Glück, einmal mit einem Glatzkopf herumzulaufen.
Unsere Spielzeuge waren gefährlich.
Wir hatten Blindgänger, Eierhandgranaten, Gewehre, ja sogar Maschinengewehre, und die Kinder in Kommerscheidt konnten sogar mit noch intakten Maschinengewehren der amerikanischen Panzer spielen, bzw. damit schießen.
Unglücke mit herumliegender Munition gab es immer wieder, sowohl Erwachsene als auch Kinder waren die Opfer.
Aus unserer Klasse wurde Alfred Lennartz mit seinem Bruder Rudolf Minenopfer.
Willi Nellessen und Alois Falter ertranken im Rursee, da sie mit einem aufgeschnittenen Flugzeugbenzintank über den See fuhren.
Als dieser umschlug, ertranken beide.
Schwimmen konnten damals nur wenige.
Aus unserer Klasse war ich der einzige.
Noch viele andere junge und ältere Menschen mußten ihr Leben lassen.
Ein besonders tragischer Minenunfall geschah im Juni 1945.
Ein junger Mann hatte den Krieg von 1939 bis zum Ende überstanden.
14 Tage war er zu Hause. Er wollte ein etwas von Schmidt entfernt liegendes Feldstück aufräumen.
Nach getaner Arbeit ging er nach Hause.
Dabei trat er unterwegs auf eine Mine, die ihm beide Beine abriß.
Nur wenige Meter von zu Hause verblutete er.
Es war nicht möglich, ihm irgendwie zu helfen.
Ein anderer Junge, 17 Jahre alt, spielte in der Karwoche 1947 an einem Minenstapel, der an der linken Straßenseite zwischen Schmidt und Scheidbaum zusammengetragen war.
Es waren ca. 20 Panzerminen und noch einige andere Munitionsreste.
Nach der gewaltigen Detonation fand man nur noch den kleinen Finger, den man dann am Karfreitag >beerdigt< hat.

Quelle: Ludwig Fischer