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Es war während der Fahrt der Senioren

Geschrieben von: Regina Bauer

Es war während der Fahrt der Senioren, die jedes Jahr im Auftrage der Stadt Nideggen vom Eifelverein, Ortsgruppe Schmidt, durchgeführt wird, als wir in Henry Chapelle in Belgien den Soldatenfriedhof der Amerikaner besuchten.
Dort sind in einer großen Schautafel die Ereignisse des 2. Weltkrieges von der Landung in der Normandie bis zum Kriegsende aus Sicht der Alliierten dargestellt, unter anderen sind auch die Ereignisse im Raum Schmidt und Kommerscheidt erwähnt.
Als wir so dort standen und die Tafel betrachteten, fingen viele ganz unverzüglich an, von ihren Erlebnissen in diesen Tagen zu erzählen.
Auch Regina Bauer, geb. Wilden, die Ende des Krieges 15 Jahre alt war, erzählte uns folgende Begebenheit:
Seit dem 10. Dezember 1944 waren wir in Lindlar im Bergischen Land evakuiert.
Da wir lange von Schmidt und aus unserer Heimat nichts mehr gehört hatten, beschlossen wir, unsere Heimat noch einmal aufzusuchen.
So brachen am 16. Januar 1945 vier junge, mutige Mädchen, 15, 17, 21 und 22 Jahre alt auf und versuchten, ihren Heimatort Schmidt, genauer den Ortsteil Harscheidt, zu erreichen.
Dort war in dieser Zeit Krieg, und die Hauptkampflinie war nicht fern, mitunter sogar verlief sie mitten durch den Ort.
Am 16. Januar morgens fuhren wir zunächst mit den Fahrrädern bis Bensberg, von dort mit der Kleinbahn bis zum Hauptbahnhof Köln.
Dieser war schon sehr schwer von Bomben getroffen und zerstört.
Von dort fuhren wir weiter mit dem Fahrrad über Leschenich, Zülpich und erreichten schließlich abends den kleinen Ort Muldenau in der Voreifel.
Dort übernachteten wir bei einem uns bekannten Bauern.
Auf diesem Bauerhof lag der Tross von den Kompanien, die damals in Harscheidt und Umgebung eingesetzt waren.
(Es waren die Panzerjäger 89, nach Haslob).
Als wir den Soldaten unser Vorhaben erzählten, versuchten diese, uns von unserem Plan abzubringen.
Sie redeten auf uns ein, nur ja nicht nach Schmidt hoch in die Hauptkampflinie zu gehen, es wäre vollkommen unmöglich, sich ins Kampfgebiet zu begeben.
"In Schmidt ist die Hölle los, dort ist ständig Kampf und Artilleriebeschuß.
Wir haben schon seit zehn Tagen keine Meldung mehr von unseren Leuten, wir wissen überhaupt nicht, ob sie noch leben.
Wir garantieren Euch, daß Ihr nicht mehr heil aus Schmidt herauskommt.
Wir selbst trauen uns nicht nach oben, das ist für uns noch viel zu gefährlich!"
Mit diesen und ähnlichen Reden wollten sie uns unser Vorhaben ausreden.
Aber je mehr sie es uns auszureden versuchten, um so mutiger wurden wir, um so mehr hielten wir an unserem Plan fest, nach Schmidt hochzugehen.
So machten wir uns in aller Frühe auf den Weg.
Wir gingen über Abenden.
Dort trafen wir noch die Nachbarin Franziska Frings, die ebenfalls aus Harscheidt stammte und jetzt in Abenden wohnte.
Als sie von unserem Plan hörte, schloß sie sich uns sofort an.
Jetzt waren wir zu fünf Personen.
Zunächst gingen wir von Abenden entlang der Rur bis zum Forsthaus Hetzingen.
Hier mündet der Schlehbach in die Rur.
Jetzt folgten wir dem Bachlauf des Schlehbaches, gingen über die damals ohnehin schon schlechten Wege durch knietiefen Schnee immer dem ansteigende Weg nach und erreichten schließlich am Hause von Andreas Meier die Hauptstraße, die von Schmidt nach Brück führt.
Diese überquerten wir und waren dann gleich nach etwa 100 Meter an unserem Elternhaus.
Völlig erschöpft kamen wir dort schließlich an, denn der Marsch durch den kniehohen Schnee hatte viel Kraft gekostet.
Mein Elternhaus war ein Neubau.
Die Giebelseite des Hauses zeigte nach Süden, die Frontseite verlief an dem damaligen Weg entlang etwa in westlicher Richtung, im rechten Winkel hieran schloß sich an der Nordseite der Stall mit den Scheunen an und hierzu wieder im rechten Winkel einige Schuppen und weitere Stallungen.
Als wir in den Hof hineinkamen, bemerkten wir, daß eine Menge Kabel hier verlegt waren.
Alles war totenstill, nichts schien sich im Haus zu regen, es war unheimlich.
Schon vom weitem hatten wir gesehen, daß unser Haus einige Treffer bekommen hatte.
Als wir nun vorsichtig unser Haus betraten, da meldeten sich plötzlich Stimmen aus dem Keller.
Es waren Soldaten einer Funkmeldestelle, die ihre Kompanie hier eingerichtet hatte.
Sie erschraken und waren gleichzeitig von unserm Hiersein überrascht.
"Wo kommt ihr her, was machen Zivilisten hier?
Das darf doch nicht wahr sein? Das ist nicht möglich!" so redeten sie alle durcheinander.
Sie wußten, daß seit Oktober 44 die Zivilbevölkerung aus Schmidt evakuiert worden war.
(Am 3. Nov. 44 hatten die Amerikaner zum ersten Mal Schmidt erobert.
Sie waren bis zur Heimbacher Str. vorgekommen.
Dort sind die ersten Amerikaner gefallen).
Wir erzählten den Soldaten, daß wir hier zu Hause und zur Zeit hinter dem Rhein in Lindlar evakuiert wären.
Sie staunten nicht schlecht, als sie hörten, welche lange Reise wir gemacht hatten, um hier nach unserm Elternhaus zu sehen.
Als wir ihnen erklärten, daß wir auch noch weiter wollten und nach dem Haus von Richard Wilden sehen wollten, da wurden sie böse und erklärten uns:
"Das ist ausgeschlossen, meine Damen. Die Amerikaner sind in Bergstein und können uns hier einsehen. Sie schießen auf alles, was sich bewegt, und wir wollen nicht, daß wir unter Feuer genommen werden, nur weil ihr euer Haus noch mal sehen wollt. Im übrigen dürft Ihr Euch gar nicht hier an der Front aufhalten. Zudem bei diesem klaren Winterwetter nicht, wo man jeden genau erkennen kann."
Aber so leicht lassen sich fünf Eifeler Mädchen nicht einschüchtern.
Wir erklärten ihnen, welche Strapazen und Mühen wir auf uns genommen hatten und sagten den Soldaten ganz bestimmt und eindeutig, daß uns nichts davon abhalten könnte, auch das Haus von Richard Wilden zu besuchen.
Die Tochter von Richard Wilden, Anna Wilden - eine Cousine von mir - war ja mit uns aufgebrochen.
"Wenn ihr wenigstens Tarnkleider hättet oder Bettlaken", meinte schließlich einer der Soldaten.
Ein zweiter befahl:
"Wälzt Euch durch den Schnee, damit Eure Kleider weiß werden, dann nieder mit Euch auf den Bauch und dann einzeln von hier bis zum Haus Richard gerobbt!"
So machten wir es.
Wir wälzten uns im Hof durch den hohen Schnee, dann zogen wir einzeln los.
Langsam, den Kopf auf den Boden gesenkt, manchmal auch hochgehoben, so robbten wir in Abständen einer hinter dem anderm – besser einer hinter der andern am Haus Hutmacher vorbei über den Dreesch Richtung Haus Richard Wilden.
Das Herz schlug uns bis zum Hals, nicht nur weil es anstrengend war, sondern auch weil wir Angst hatten, daß wir entdeckt würden.
Jeden Augenblick erwarteten wir das Abschießen von Granaten und dann den Einschlag.
Doch alles blieb ruhig.
So erreichten wir eine nach der andern zunächst das Haus Utter.
Jetzt konnten wir uns wieder erheben und gingen dann alle fünf ins Haus meines Onkels.
Auch hier lagen Soldaten.
Auch hier gab es den gleichen Ärger wie vorhin bei uns.
Doch schließlich bewunderten die Soldaten unsern Mut, daß wir es an diesem klaren Tage gewagt hatten, über den Dreesch zu ihnen zu kommen.
Sie erklärten uns, daß der Amerikaner Bergstein eingenommen hätte.
Er könne jetzt alles, was hier vor sich gehe, beobachten und unter genaues Artilleriefeuer nehmen.
Sie ließen uns durch ein Scherenfernrohr blicken.
Dieses war im Stall von Onkel Richards Haus aufgebaut.
Eine nach der andern schauten wir hindurch und sahen ganz deutlich die Panzer der Amerikaner durch Bergstein fahren.
Dies ließ natürlich auch unseren Mut etwas sinken, und wir unterließen es, noch zum Hause von Franziska Frings zu gehen, denn auch dies hätten wir nur robbend erreichen können.
So unterhielten wir uns noch etwas mit den Soldaten.
Die Soldaten erklärten, daß ihre Verpflegungsstelle bei Josef Stollenwerk an der Hauptstraße wäre.
(Es ist heute das Haus Alfons Stollenwerk, dort, wo früher die so genannte Scheffers Gasse auf die Hauptstraße mündete, Luftlinie etwa 300 bis 400 Meter von dem Haus Wilden entfernt.)
Seit die Amerikaner Bergstein besetzt hielten, traute sich keiner mehr auf den Weg, um Verpflegung zu holen.
Außerdem wäre nichts an Verpflegung da, weil der Tross nichts mehr nachbrächte.
Wir sagten ihnen, daß ihr Tross uns in Muldenau schon vor dem Gang nach Schmidt gewarnt hätte, daß wir aber trotzdem gekommen waren, ließ uns in den Augen der Soldaten nur noch tapferer erscheinen.
Schließlich gaben sie uns eine schriftliche Meldung an ihren Tross mit, die wir dort abgeben sollten, sofern wir Muldenau überhaupt lebend erreichen sollten.
Als wir nun unseren Rückweg antraten, mußten wir uns wieder durch den Schnee wälzen, um uns zu tarnen.
Wieder mußten wir in weiten Abständen und langsam im Schneckentempo über die Höhe, über den Dreesch, robben.
Schließlich hatten wir noch den militärischen Befehl erhalten, nur ja wieder durch das Schlehbachtal zurück zu gehen und nicht über die Straße.
Das Schlehbachtal konnte von Bergstein aus nicht eingesehen werden, wohl aber die Hauptstraße, die von Harscheidt nach Brück führt.
Da wir aber den vielen Schnee im Schlehbachtal scheuten, gingen wir zunächst Richtung Schlehbachtal, wechselten dann Richtung Osten entlang eines Feldweges im Ackerhäggelchen, kletterten am Thongtepötz durch den Wald hoch, bogen schließlich von dort wieder nach links bzw. nach Norden ein und erreichten bald die Hauptstraße nach Brück.
Aber das hätten wir besser nicht getan, denn dort hatte die deutsche Wehrmacht die hohen Tannen, die damals an der linken Straßenseite vor dem Pönsjes Krötzje standen, alle quer über die Straße geschlagen.
Sie dienten als Panzer- und Autosperren, um zu verhindern, daß der Feind Schmidt oder Harscheidt von Brück aus angreifen könne.
So mußten wir einige hundert Meter über die Baumstämme klettern, um vorwärts zu kommen.
Immer horchten wir Richtung Bergstein, ob von dort geschossen würde.
Immer saß uns die Angst und die Ungewißheit im Nacken:
Entdecken uns die Amerikaner oder gelangen wir unentdeckt aus diesem Baumwirrwarr wieder heraus?
Auch lauschten wir, ob nicht die Amerikaner nach Harscheidt hinein schießen würden.
Doch kein Schuß fiel, keine Granate pfiff, es blieb ruhig.
Es war eine unheimliche Ruhe.
Auch von uns sagte keiner ein Wort, dazu saß uns die Angst nun doch zu sehr im Nacken, denn die Hauptstraße konnte gut von Bergstein aus eingesehen werden.
eingesehen werden.
Als wir schließlich die Ortschaft Brück erreichten, war es schon dunkel.
Die Straße war menschenleer, kein Soldat, kein Zivilist, nichts Lebendes war uns begegnet.
Die Brücke über die Rur war noch für Fußgänger passierbar, ein Glück, sonst hätten wir wieder ruraufwärts gemußt, um über Hetzingen und Abenden nach Muldenau zu gelangen.
Hier trafen wir gegen 20.30 Uhr ein.
Die Obersten vom Tross staunten nicht schlecht, als wir mit einer Nachricht von ihrer Truppe zurückkamen.
Das sollte dann gefeiert werden, und sie tischten auf, was unser Auge in den viereinhalb Jahren Krieg nicht zu Gesicht bekommen hatte.
Wir haben uns an Wurstbroten und Tee gestärkt.
Als sie uns dann auch noch Alkohol anboten, haben wir abgelehnt und ihnen gesagt, den sollten sie lieber zu ihren Kameraden an die HKL (Hauptkampflinie) bringen.
Die Spuren durchs Schlehbachtal bis Harscheidt, die wir gelaufen hätten, seien noch zu sehen.
Sie brauchten diesen nur zu folgen, sofern kein neuer Schnee fiel

Die Personen, die damals von Lindlar aufgebrochen sind, waren:

Regina Wilden, verheiratete Bauer, die diese Episode aufgeschrieben hat,
ihre Schwester Barbara Wilden,
ihre Cousine Anna Wilden verheiratete Frings,
ihre Cousine Klara Wilden, verheiratete Stockmann,
eine Nachbarin Franziska Frings, die in Abenden evakuiert war und sich den anderen anschloß.