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Das RAD - Lager im Buhlert

RAD - Lager im Buhlert

RAD Lager im Buhlert

Sie parken Ihren Wagen auf dem Parkplatz Buhlert, der zwischen Strauch und Schmidt liegt, und wollen ein Stück spazieren gehen.
Noch ehe Sie abgehen, ertönen laute Befehle: „Arbeitsmänner - stillgestanden! Links - um! Den Spaten - über! Im Gleichschritt - Marsch!“
Ich glaube, Sie würden sich zunächst erschrecken und dann neugierig nachschauen, was denn da ganz in der Nähe los ist.
Nun, dies alles kann Ihnen heute nicht passieren, wohl aber Ende der dreißiger bis Anfang der vierziger Jahre im vorigen Jahrhundert.
Da gab es zwar den Parkplatz Buhlert noch nicht, aber die lauten Befehle hätte man von der Stelle aus, wo sich heute der Parkplatz befindet, gut hören können.
Es gab nämlich zwei RAD-Lager im Buhlert, in denen männliche Arbeitsmänner untergebracht waren.
Die beiden Lager lagen direkt hintereinander und wurden Lager 1 und Lager 2 genannt.
Können Sie sich das vorstellen?

Zunächst gilt es aber einmal aufzuklären, was RAD bedeutet.
RAD ist die Abkürzung für Reichsarbeitsdienst.
Dieser Dienst war im sogenannten Dritten Reich von den Nationalsozialisten verpflichtend eingeführt worden.
Nun war dieser Arbeitsdienst aber keine Erfindung der Nazis.
Bereits 1931 führte die Regierung Brüning den freiwilligen Arbeitsdienst in Arbeitslagern ein, um die zahlreichen arbeitslosen Jugendlichen zu beschäftigen.
Seit 1933 bauten die Nazis diesen Arbeitsdienst systematisch aus.
Ab 1935 wurde er per Gesetz für alle jungen deutschen Männer zwischen 18 und 25 Jahren verpflichtend eingeführt.
Für die jungen Frauen, die Arbeitsmaiden genannt wurden, galt dieser verpflichtende Arbeitsdienst ab 1939.
In einem Nachschlagbuch aus der Zeit des Dritten Reiches kann man lesen, was offiziell als Ziel des Arbeitsdienstes ausgegeben wurde:
„Der Reichsarbeitsdienst ist die große deutsche Erziehungsschule zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Durch das Reichsarbeitsdienstgesetz vom 26.6.1935 wurde der Arbeitsdienst zum Ehrendienst des deutschen Volkes erklärt.“ 1)

Die Befehlsgewalt übte der Reichsarbeitsführer Konstantin Hierl aus.
Dieser Konstantin Hierl war ein Vertrauter Hitlers, er war bereits 1927 der NSDAP beigetreten.
Hierl wurde 1945 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt und starb 1955 im Alter von 80 Jahren.
Die jungen Arbeitsmänner wurden vor allem für Straßen- und Kanalprojekte eingesetzt, mussten aber auch in der Land- und Forstwirtschaft arbeiten.
Die Arbeitsmänner der beiden Arbeitslager im Buhlert wurden zusätzlich zu Befestigungsarbeiten militärischer Anlagen herangezogen.
„Dabei führten die RAD-Männer hauptsächlich folgende Arbeiten durch: Beschütten der erstellten Bunker, Hindernis- und Wegebau, Tarnung der Bunker, Kabelverlegung, Freimachen des Schussfeldes, Bau von Feldbefestigungen, Aushub von Drainagegräben, Transportarbeiten, Lagerbau und ab Oktober 1938 vereinzelt Betonierungen.“ 2)

Hubert Schönewald aus Schmidt, der als Maurerlehrling auf der Burg Vogelsang das Mauern mit Bruchsteinen erlernte, hat mir erzählt, dass er in Herzogenrath als RAD-Mann Splittergräben für den Westwall ausheben musste.
Über die Verpflegung konnte er nicht meckern, sie war reichlich und gut.
Zur Bekleidung gehörten Stiefel, auch Knobelbecher genannt.
Die Hose wurde in die Stiefel gesteckt, am linken Arm trug man eine Binde mit dem Hakenkreuz, darüber das Abteilungszeichen, als Kopfbedeckung fungierte ein Schiffchen.
Für kalte Tage hatten die Arbeitsmänner noch einen Mantel und darüber einen Koppel.
Die Farbe der Uniform war braun.
Der Tagesablauf war streng geordnet, nach dem Frühstück folgte das Hissen der Hitlerfahne, danach der tägliche Frühsport und Formalausbildung mit Übungen im Marschieren und Griffe „kloppen“ am Spaten.
Nun ging es an die eigentliche Arbeit, für Hubert Schönewald also zum Schanzen der Splittergräben.
Ähnliche Erfahrungen wie Herr Schönewald hat ein anderer Schmidter gemacht.
Josef Schmitz wurde 1942 im Alter von 17 Jahren zum Reichsarbeitsdienst eingezogen.
Die ersten sechs Wochen verbrachte er in der Nähe von St. Wendel im Saargebiet.
Zusätzlich zu den für die Arbeitsmänner verpflichtenden Arbeiten wurde Josef Schmitz in den ersten Wochen an Infanteriewaffen ausgebildet.
Von St. Wendel aus wurde er nach Südfrankreich versetzt, um Stellungen für die Wehrmacht zu bauen.
Sein Lager hier in Frankreich war in einem ehemaligen Kinderheim untergebracht, er musste in einem Bett ohne Matratze schlafen.
Der Feldmeister, vergleichbar mit einem Unteroffiziersdienstgrad bei der Wehrmacht, empfahl den Arbeitsmännern, sie sollten Schilf auf die Eisenunterlagen der Betten legen und sich mit den Uniformen zudecken.
Auch sonst hatte es Josef Schmitz nun nicht gut angetroffen, die Verpflegung war schlecht und er musste teilweise hungern.
Zu den Besonderheiten, die sich die Ausbilder ausgedacht hatten, galten die Übungen im Fahren der Schubkarren.
Täglich wurde vor allem das Anfahren der Schubkarre geübt und darauf geachtet, dass man vor dem Anfahren in die Knie gehen musste.
Die Ausbilder dachten sich auch sonst einige Schikanen aus.
So mussten die jungen Männer zu den Schanzarbeiten mit dem Fahrrad fahren, dabei wurde bergauf gefahren, bergab aber, wenn das Fahren ja leicht gewesen wäre, wurde das Fahrrad getragen, dazu kam dann noch die gesamte Ausrüstung, die jeder bei sich hatte, wie den Spaten, die Gasmaske und teilweise Infanteriewaffen.
Die Verpflegung wurde durch die Feldküche nachgebracht.
Freizeit gab es so gut wie gar nicht, Alkohol war verboten, Strafen, man wurde eingesperrt, kamen nicht oft vor, die jungen Männer hatten zu große Angst davor.
Nach einer weiteren Versetzung innerhalb Frankreichs kam Josef Schmitz in einem Privathaus unter, es wurde ein neues RAD-Lager gebaut.
Nun konnte er abends wenigstens hin und wieder ins Kino gehen.
Direkt im Anschluss an seine RAD-Zeit wurde Herr Schmitz zur Wehrmacht eingezogen.

So wie es Hubert Schönewald und Josef Schmitz erging, kann man sich den Alltag der Arbeitsmänner im Buhlert vorstellen.
Auch sie mussten nach den morgendlichen Übungen im Lager zu Arbeiten am Westwall ausrücken und das für wenig Geld.
Der Tageslohn eines Arbeitsmannes betrug 25 Pfennig, dafür bekam man z.B. zwei bis drei Eier oder, nach der heutigen Währung umgerechnet, ein Glas Bier.
Dazu gab es einen Spottspruch der Arbeitsmänner: „25 Pfennig ist der Reinverdienst, denn jeder muss zum Arbeitsdienst!“
Im Ausland erhielten die RAD-Männer einen höheren Tageslohn von 1,25 RM.
Die geringe Besoldung gehörte im übrigen mit zum Konzept des Arbeitsdienstes, dieser sollte unter Verzicht auf volles Entgelt im Sinne einer Lohnfestsetzung erfolgen.

Das Lager im Buhlert hatte natürlich auch eine Postadresse.
Als Anschrift kann man auf einer Ansichtskarte am 23. April 1939 lesen: Wilhelm Quante, Waldlager Buhlert, Post Strauch über Monschau, Stube Julius Streicher. 3)
Dieser Julius Streicher, nach dem die Stube benannt worden war, galt als ein extremer Antisemit.
Berüchtigt war seine von Hass gegen die Juden strotzende Zeitschrift „Stürmer“.
Um den Arbeitsmännern etwas Abwechslung zu bieten, fanden Filmveranstaltungen, Varietévorstellungen oder, von der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ organisierte, Unterhaltungsabende mit Musik und Gesang statt.
Über diese Veranstaltungen, die im übrigen auch von der Bevölkerung der umliegenden Orte gerne besucht wurden, berichtete das nationalsozialistische Kampfblatt „Westdeutscher Beobachter“. In diesen Berichten wurden die Arbeitsmänner meistens Westmänner genannt, vermutlich, weil sie für das „Bauvorhaben West“, den Westwall, tätig waren. 4)

Am 10. Mai 1940 erfolgte der Angriff der deutschen Truppen gegen die Westmächte, vor allem gegen Frankreich.
Bereits am 14. Juni 1940 wurde Paris von den Deutschen besetzt und einen Tag später die für unüberwindlich gehaltene Maginot-Linie durchbrochen.
Frankreich kapitulierte und im Zuge dessen wurden die Bunkeranlagen des Westwalls entschärft, Waffen und Ausrüstungsgegenstände wurden für den Antlantikwall benötigt und die Arbeitsmänner im RAD-Lager aus dem Buhlert konnten für andere Arbeiten, die der Wehrmacht dienten, eingesetzt werden.
Die beiden RAD.-Lager im Buhlert waren jetzt überflüssig geworden.
Aus diesem Grunde wurde ein Lager ganz aufgelöst, das zweite wurde in ein Wehrertüchtigungslager umfunktioniert.

In den Wehrertüchtigungslagern wurden junge Männer sportlich getrimmt und an den Infanteriewaffen ausgebildet.
Genau wie in den Lagern des Reichsarbeitsdienstes dienten Baracken den jungen Männern, die hier eine vormilitärische Ausbildung erhielten, als Wohnstätte.
Die Fundamente der Baracken bestanden aus gemauerten Ziegelsteinen, der Wohnbereich war aus Holz gezimmert.
Die Innenausstattung war spartanisch. Etagenbetten, Stühle, ein Tisch, ein Holz- bzw. Brikettofen reichten für ca. 8 – 12 Leute, die in einer Baracke lebten.
Die Zeitzeugen schätzen, dass in dem Wehrertüchtigungslager Buhlert ca. 100 junge Männer im Alter von 16 – 18 Jahren untergebracht waren.
Das Lager war sehr gepflegt, die Ausbilder legten großen Wert auf Sauberkeit.
Am Eingang des Lagers wehten die zu dieser Zeit unentbehrlichen Hakenkreuzfahnen.
Für die Eifel damals eine Besonderheit: Exotische Pflanzen, die man sonst in unserer Gegend nicht kannten, schmückten den Eingang. Es gab besondere Baracken für die Ausbilder und für die Mannschaften.
Die Küche war ebenfalls extra in einer Baracke untergebracht, daneben befand sich ein Vorratsraum.
Die jungen Männer wurden dreimal am Tag verpflegt, das Essen war gut bürgerlich.
Die Speisen wurden von einer Frau, die aus Schmidt kam und sehr gut kochen konnte, angerichtet.
Die Essensreste wurden getrennt gesammelt und entsorgt.
Die Gemüseabfälle kamen in Jutesäcke und wurden an die nahe Straße, die von Schmidt nach Strauch führt, gestellt.
Der Milchfahrer, der die Milch der Bauern von Schmidt nach Strauch zur Molkerei fuhr und auf dem Rückweg eine Leerfuhre hatte, brachte die Abfälle mit nach Schmidt, hier wurden diese als Schweinefutter verwendet.
Die übrigen Essensreste kamen in einen Bottich und wurden ebenfalls als Schweinefutter gebraucht.
Während das Essen in dem Lager gut und reichlich war, erinnert sich Frau Angelika Siodmok aus Schmidt, die in dem Lager arbeitete, dass einmal eine Gruppe russischer Kriegsgefangener durch das Lager getrieben wurde.
Frau Siodmok kann sich vor allem an die verzweifelten, ausgemergelten und halb verhungerten Gesichter der jungen Kriegsgefangenen erinnern.
In der Nähe des Lagers, kurz vor dem Ortseingang Strauch, befand sich ein russisches Kriegsgefangenenlager, zu dem die Gefangenen getrieben wurden.
Über dieses Lager hat Georg Jansen aus Simmerath im Jahrbuch 2003 des Monschauer Landes berichtet.

Frau Siodmok erinnert sich auch noch, dass in der Küche ein Hitlerbild hing.
Eine Küchengehilfin, die Hitler absolut nicht leiden konnte, nahm einmal ein Butterpaket und schmiss es gegen das Hitlerbild, das jetzt beschmutzt war.
Alle Küchenangestellten lebten nun einige Zeit in großer Angst, dass der Lagerleiter diese Geschichte herausbekommen könnte.

Die jungen Männer des Wehrertüchtigungslagers trugen graue Uniformen und als Kopfbedeckung ein Schiffchen. Im Lager Buhlert wurde für die Infanterieausbildung geübt, diese vormilitärische Ausbildung gab es auch für die Marine und für die Luftwaffe, allerdings an anderen Orten.

Der Leiter des Wehrertüchtigungslagers Buhlert war ein Leutnant der Wehrmacht und ein strammer Nationalsozialist.
Es gab mehrere Ausbilder.
Einer dieser Ausbilder, der nach dem Krieg in Schmidt wohnen blieb, da er ein Schmidter Mädel heiratete, war in Russland schwer verwundet und verschüttet worden.
Er kam zum Erholungsurlaub in die Heimat nach Deutschland.
Seine Erholung bestand aber nun darin, die jungen Männer vormilitärisch auf den Kriegseinsatz vorzubereiten.
Er war vor allem für die Schießausbildung zuständig, geschossen wurde mit Kleinkalibergewehren.
Neben der Schießausbildung standen noch Themen wie Geländekunde, Tarnen und Anschleichen auf dem Übungsplan.
Wichtig war auch der tägliche Appell vor den Übungen, dafür war ein noch heute in etwa erkennbarer Appellplatz, der aber zum großen Teil mit Bäumen zugewachsen ist, vorhanden.
Die jungen Männer blieben lediglich einige Wochen, dann wurden sie zur Wehrmacht eingezogen.
Zu den Schießübungen kam, wie sich Helmut Lennartz aus Schmidt erinnert, sonntags auch die männliche Dorfjugend.
Nach der Frühmesse fuhr man mit dem Fahrrad von Schmidt aus in das Lager.
Um 9 Uhr begann das Übungsschießen mit dem Kleinkalibergewehr, z.B. stehend freihändig mit Zielansprache.
Einmal im Monat gab es für die Jugendlichen eine Geländeübung, dann wurde gelaufen.
Die Laufstrecke ging vom Appellplatz aus in Richtung Schmidt bis zum Gerstenhof und zurück.
Die Laufstrecke war insgesamt ca. 3 – 4 km lang, wurde von den Jungen aber „Marathonstrecke“ genannt.
Es wurde auch für das HJ-Abzeichen (HJ = Hitlerjugend) geübt.
Da viele Schmidter Jugendliche zur damaligen Zeit aber nicht schwimmen konnten, musste als Ersatzübung ein ca. 12 km langer Marsch absolviert werden.
Dass solche Übungen, wie Schießen, Laufen, Tarnen, Anschleichen usw. auf Jungs eine großen Reiz ausüben, dürfte wohl klar sein.
Leider wurde der Idealismus der Jungen aber bitter und rücksichtslos von den Machthabern des 3. Reiches ausgenutzt und enttäuscht.

Wenn Sie sich die Ortslagen der beiden Reichsarbeitsdienstlager und des Wehrertüchtigunslagers einmal anschauen wollen, sie sind leicht zu finden.
Von Schmidt kommend am Ende des Parkplatzes Buhlert aus gehen sie den geteerten Weg in den Wald und schon nach 20 m geht es links zu den ehemaligen Lagern.
Aber, wie schon erwähnt, nur mit viel Phantasie kann man sich die Örtlichkeiten, wie sie Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre im vorigen Jahrhundert waren, noch vorstellen, da sie zum großen Teil mit Bäumen zugewachsen sind.

RAD - Lager im Buhlert

RAD Lager im Buhlert

Quelle: Engelbert Donnay

Literatur:

1 Schlag nach! - Bibliographisches Institut Leipzig, 1939, S. 233
2 H.-J. Hansen: Auf den Spuren des Westwalls“ - Helios Verlag Aachen, 2002, S. 29
3 Archiv Franz - Josef Brandenburg, Nideggen
4 Zeitungsartikel: Archiv Franz - Josef Brandenburg, Nideggen