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Bericht aus der Kriegszeit

Geschrieben von: Sofie von der Forst

Sofie von der Forst berichtet aus der Zeit von November 1944 bis März 1945.
Wenn auch viele Schmidter dem Befehl des „Führers“, in die Evakuierung zu gehen, Folge leisteten, so blieben doch meine Mutter, meine Schwester Amanda und ich, denn wir konnten es einfach nicht übers Herz bringen, unser Vieh im Stich zu lassen.
Es war schrecklich für uns, sehen zu müssen, wie viele der fortgetriebenen Tiere wieder nach Hause zurück liefen oder unter dem ständigen Beschuss sterben mussten.
Und so kam es dann wie es kommen musste:
Die Front rückte näher und näher an Schmidt heran.
Im Spätherbst kamen immer mehr deutsche Soldaten auf der Flucht vor den Alliierten in unser Haus, ohne Munition, müde und ausgelaugt.
Die Artillerie hatte keinerlei Nachschub an Munition erhalten.
Die Granateneinschläge des Gegners hört man immer näher.
Am 3. November, einem strahlend schönen Herbsttag, herrschte Ruhe wie vor dem großen Sturm.

(Der 3. November war ein Tag mit viel Nebel und Regen und mit tiefen Wolken.
Dazu schoß die amerikanische Artillerie an diesem Tag etwa mit 20000 Granaten pro Stunde auf Schmidt und Kommerscheidt.
Hier irrt Frau von der Forst)

In Hast und Unruhe kamen Soldaten und Fahrzeuge rückwärts ins Innere des Reiches.
Herr Brettschneider, der letzte deutsche Soldat, der bei uns einquartiert gewesen war, verließ das Haus mit den Worten:
„Morgen früh kommt der Gegenstoß.“
An jenem 3. November nahmen die Amerikaner Schmidt ein, das , wie es die amerikanischen Soldaten nannten.
Wir konnten das von unserem Haus aus sehen.
Im Ort selbst war alles still.
Nur wir drei Frauen waren die letzten Bewohner.
In jener Nacht haben wir nach vielen Monaten noch einmal unsere Tür verschlossen.

(Das Haus von der Forst liegt im Bereich Scheidtbaum etwa 200 m nördlich der Häuser und nicht direkt in Schmidt)

In der Tat kam dann am Morgen des 4. Novembers 1944 der deutsche Gegenangriff.
Von Heimbach und von Nideggen aus kamen Panzer, Fahrzeuge, Geschütze und Fußtruppen auf den Ort zu.
Uns bot sich das Bild eines schaurigen Kriegsschauplatzes.
Gleich nachdem die Deutschen die Amerikaner im Ort angegriffen hatten, überflogen amerikanische Jagdbomber das Frontgebiet.
Sie warfen ihre Bomben in das Ortszentrum, die Häuser fielen ineinander, schwarze Rauchwolken stiegen empor, alles fiel in Schutt und Asche.
Dazu kamen die gegnerischen Granateinschläge bis in Hinterland zu uns.

(Dieser Angriff wird von einigen Einwohnern erwähnt, u. a. auch von Martin Bauer.
Da die Deutschen aber noch nicht bis zur Ortsmitte durchgestoßen waren, haben die amerikanischen Flugzeuge wahrscheinlich ihre Kameraden angegriffen.
Dieser Luftangriff wird in fast keinem Werk über diese Ereignisse erwähnt).

Im Wald südlich von unserem Haus bezog die deutsche Artillerie Stellung.
Von dort aus schoß sie nach Schmidt. Einmal zu kurz, das Geschoß landete zwischen den eigenen Truppen.
Ganz früh am Morgen hatte sich ein Stabsarzt, Dr. Hess, unser Haus ausgesucht, um hier einen Hauptverbandsplatz ( das heißt für deutsche und amerikanische Soldaten)
einzurichten.
Er war äußerst überrascht, noch Zivilisten vorzufinden.
Er forderte uns auf, ihm zu helfen.
Eilig wurden Rote-Kreuz-Fahnen über das Dach und auf die Wiesen gelegt.
Wir Mädchen bekamen Rote-Kreuz-Brusttücher.
Ein Dröhnen und Grollen umgab uns von Schmidt her.
Die Jabos kamen im Tiefflug über unser Haus.
Da wir aber Rot-Kreuz-Station waren, blieben wir verschont.
Die Flugzeuge drehten ab und klinkten ihre Bomben in die deutsche Linie aus.
Die Kämpfe um Schmidt konnten wir von unserem Haus genau beobachten.
Der erste deutsche Verwundete, der kurze Zeit später in unser Haus kam, war Heinz Wollmann aus Adenau.
Er hatte einen Lungensteckschuß.
Er wurde von zwei Kameraden gestützt.
Wenig später schaffte man einen Amerikaner, der einen Bauchschuß hatte, auf einer Bahre zu uns.
In unserer Küche wurde er von Dr. Hess versorgt.
Er starb jedoch auf dem Transport ins Lazarett nach Maria Wald.
Das Ortsgebiet wurde auch von deutschen Kampffliegern angegriffen.

(Dieser Angriff ist nirgends erwähnt, weder bei den Deutschen noch bei den Amerikanern. Daher muß bezweifelt werden, ob er tatsächlich stattgefunden hat.)

Demzufolge kamen viele Verwundete zu uns ins Haus.
Darunter waren auch zahlreiche amerikanische Kriegsgefangene.
Einer davon war Sanitäter.
Der Hess zeigte ihm, dass und wie auch die amerikanischen Verwundeten bei uns betreut und behandelt wurden.
Dann wurde er in Begleitung deutscher Sanitäter zu seiner Truppe zurück gebracht.
Die Folge hiervon war, dass unser Haus in die amerikanische Frontkarte aufgenommen wurde.
Somit fielen in weitem Umkreis unseres Hauses keine Granaten mehr.
Nach langem Ringen und vielen Toten auf beiden Seiten eroberten die deutschen Truppen schließlich Schmidt wieder zurück.
Dr. Hess zog dann der Front hinterher.
Aus dem Haupttruppenverbandsplatz wurde ein Truppenverbandsplatz.
Das heißt, es wurden in der Folgezeit nur noch deutsche Soldaten hier verbunden.
Damit erlosch die Eintragung in der amerikanischen Karte.
Leiter des Verbandsplatzes war Richard Wittenbauer.
Auf Befehl der Feldgendarmerie musste die Familie von der Forst Schmidt räumen und zog in die Nähe von Heimbach auf Gut Habersauel.
Nach der Einnahme von Schmidt am 13. Februar 1945 ging die Mutter von Sofie von der Forst mit ihrer Schwester Amanda, die später an Diphterie starb, nach Schmidt.
Sie wurden von den Amerikanern nach Lammersdorf gebracht.
Von dort kehrten sie am 14. März 1945 nach Schmidt zurück.
Voller Hoffnung machten wir uns mit kleinem Gepäck auf den Weg nach Schmidt.
Im Buhlert (Waldstück zwischen Schmidt und Strauch) begegneten wir dem damaligen Landrat Scheibler, Dechant Röben und einem weiteren Herren aus Monschau.
Sie begrüßten uns und sagten, dass wir die ersten Schmidter seien, die zurückkehrten.
Als wir am Wasserhäuschen waren, erschraken wir sehr.
Unser Dorf war ein einziger Schutthaufen.
Alles war zerschossen.
Es herrschte Totenstille.
Kein Zivilist hielt sich dort auf.
Als wir an der Kirche vorbeikamen, warfen unsere Schritte ein Echo zurück.
Alles, alles war so unendlich furchtbar und traurig.
Ich kann einfach unsere damaligen Gefühle nicht schildern.
Im Wald in der Nähe unseres Hauses, das wegen der vielen Treffer, die es erhalten hatte, unbewohnbar war, zogen wir wieder in den Unterstand, in dem wir uns bereits früher aufgehalten hatten.
Dort stand auch noch unser Herd.
Nachdem wir unser Haus von Schutt befreit und notdürftig repariert hatten, zogen meine Muter und ich dort wieder ein.
Wir hatten Glück im Unglück!
Während unserer Abwesenheit hatten sich amerikanische Soldaten in unserm Hause aufgehalten.
Bei ihrem Abzug hatten sie eine Menge Kleider, Seife und Lebensmittel zurückgelassen, so dass wir fürs erste versorgt waren.