St. Mokka

Der Schmuggel war eine wahre Volksbewegung im Aachen-Eifeler Raum, bis hin nach Köln, Bonn und Düsseldorf.
Nirgendwo auf der ganzen Welt dürfte der Schmuggel so geblüht haben wie in der Eifel in den Jahren von 1946 bis 1953.
Haupt Schmuggelgut waren Kaffee und Zigarette.
Als dann die Kaffeesteuer gesenkt wurde, wurde der Schmuggel weniger attraktiv.
Wer mit drei Personen mit Kaffee erwischt wurde, der betrieb bereits bandenmäßigen Schmuggel und mußte mit mindestens drei Monaten Gefängnis rechnen.
Ersatzweise konnten auch Geldstrafen gezahlt werden: ein Tag Haft gleich tausend bzw. zehntausend Mark.
Ganze Kolonnen von Kaffeeträgern, gesichert durch Vorläufer und Seitenläufer mit Signalpfeifen, trabten damals mit dem „Pöngel“ (dem Kaffeesack) auf dem Rücken und den „Schleichern“ (den Turnschuhen) an den Füßen quer durch die „Mokka-Türkei“, die ihren Namen nach einer der damals gängigsten belgischen Kaffeemarken erhalten hatte: „Mocca Turc“.
Die grüne Grenze war auch eine blutige Grenze.
Mehr als 100 mal trafen Schüsse, die sowohl von Zöllnern als auch von Schmugglern abgegeben wurden, ihre menschlichen Ziele: 36 Menschen starben und 66 wurden schwer verletzt.
Einer der Orte, in dem der Schmuggel florierte, ist Schmidt, das nur siebzehn Kilometer von der deutsch-belgischen Grenze entfernt ist.
Im einzig halbwegs erhaltenen Gebäude hatten die Schmidter sich ihre Notkirche eingerichtet.
Es war eine Baracke, die früher dem Arbeitsdienst gehört hatte.
Seit dem 18. Mai 1947 wurde die Pfarre von Pfarrer Josef Bayer betreut.
Sein Monatsgehalt betrug 300 Reichsmark; ein Betrag, der zum Kauf von zwei Päckchen Zigaretten ausgereicht hätte.
Pfarrer Bayer wußte, daß viele Schmidter Nacht für Nacht hinüber nach Belgien gingen.
Pro Kilo Kaffee konnten sie zwischen zwanzig und dreißig Mark verdienen.
Dadurch war es möglich, jetzt in einer Woche mehr zu verdienen als vor dem Krieg auf den Feldern in einem Jahr verdient worden war.
Von diesem Verdienst wurde dem Pfarrer hin und wieder ein Hundertmarkschein zugeschoben, nicht selten von jemandem, der im stillen Wald ein Gelöbnis abgelegt hatte, wenn er den Zöllnern noch einmal entwischt war. Dank der braunen Bohnen, die die fleißigen Leute ständig herüber schleppten, ging es langsam in Schmidt wieder aufwärts.
Aber Pfarrer Bayer hatte kein Geld für den Wiederaufbau der Kirche.
Vom Bischof von Aachen, Joseph van der Velden, konnte er auch keins erwarten.
Da entschloß sich der Pfarrer, der die Schmuggler ständig in seine Gebete mit einschloß, zu einer Predigt, die etwa folgenden Wortlaut gehabt hat:
„Merkwürdig ist das! Ich weiß ganz bestimmt, daß ihr, meine lieben Pfarrkinder, so viel Geld habt, daß ihr Kopfschmerzen bekommt.
Bei mir aber ist es umgekehrt: Ich habe Kopfschmerzen vor lauter Schulden und bekomme davon noch graue Haare!“
Er muß mit dieser Predigt die Schmidter Gläubigen an der richtigen Stelle getroffen haben.
Am nächsten Morgen lag eine fünfstellige Summe Scheingeld in seinem Opferstock.
Endlich konnte mit dem Bau des neuen Gotteshauses begonnen werden. Man munkelte, daß die Pfarrkinder insgesamt 250.000 Mark gespendet hätten. Und so entstand dann „St. Mokka“, ein Name, mit dem selbst der Aachener Bischof seinen Pfarrer bei einem Besuch in Schmidt neckte.
Es mutet fast wie ein Witz an, daß ausgerechnet Hubertus der Schutzpatron der Kirche ist, jener Heilige aus den nahe gelegenen Wäldern der belgischen Ardennen, durch die jede Nacht die Schmidter Bauern mit ihren Kaffeesäcken laufen, ein gefährliches Unterfangen, bei dem eine Geldspende für die Hubertuskirche zumindest nicht schadet.
1959 machten die Schmidter Pfarrer Bayer aus Dankbarkeit zu ihrem Ehrenbürger.
Außer dem Namen „St. Mokka“ ist den Schmidtern eine weitere Erinnerung an die Schmuggelzeit geblieben:
der Türkenkopf, der die Kaffeepakete aus dem nahen Belgien zierte, ist in das Wappen der Karnevalsgesellschaft „Schmedter Grieläächer“ eingegangen.

Quelle: Franz-Josef Brandenburg