Geschichte über die Schmuggelzeit

Bekannt wurde nicht nur Schmidt, sondern das ganze Grenzgebiet durch das Schmuggeln.
Allerdings muß man sagen, daß gerade die Kirche in Schmidt dadurch einen zweiten Namen erhalten hat.

Hier ist die Geschichte:

Man stelle sich vor, es gibt nichts und damit muß man leben.
Man fand Bretter und Nägel in den Munitionskisten der Amerikaner.
In den Unterständen waren ebenfalls Utensilien aller Art zu finden:
Axt, Schaufel, Hacke, oft ein noch intakter Bunkerofen und vor allem in den Stellungen der Amerikaner fand man Büchsen mit Zigaretten, Schokolade und Wurst.
Alles das war natürlich nur ein Notbehelf.
Es fehlte an Steinen, Nägeln, Bretter, Sand, Zement, Dachziegel...
Auch die Lebens-mittel waren knapp.
Zum Glück konnten wir hier in der Eifel noch Teile der Ernte von 1944 einbringen.
Auch gab es Vieh, das man mit in und aus der Evakuierung gebracht hatte.
Milch und Butter, Eier und Schweinefleisch gab es dann bald bei uns wieder zu haben.
Doch wurde dieses alles getauscht, um damit die Granatlöcher in den Häusern zu flicken und Dachpappe oder Dachziegel aufzutreiben.
Damit wurden die ersten Instandsetzungen an den zerstörten Gebäuden vorgenommen.
Wer diese Naturalien nicht hatte, mußte hungern und im Winter auch frieren.
Bald stellte man fest, daß es im Westen ein Land gab, in dem alle Lebensmittel in Hülle und Fülle vorhanden waren.
Besonders Kaffee, Tee, Kakao und Zigaretten gab es dort in großen Mengen.
Da die Schmidter sehr auf Ausgleich bedacht waren, wurden diese Dinge bald von Belgien nach hier geschafft.
Von hier wurde dann die Ware nach Düren, Köln oder Düsseldorf gebracht.
Der Zoll nannte diesen >Ausgleich< Schmuggel.
Die hohe Zeit des Schmuggelns war etwa von 1947 bis 1950 oder 51.
Die Hauptschmuggelware waren Kaffee und Zigaretten.
Bald entwickelte sich ein reger Verkehr von hier nach Belgien und wieder zurück.
Alle jungen Männer und auch viele Frauen zogen los, meist in der Nacht und kamen irgendwann am übernächsten Tage wieder zurück.
Die meisten trugen etwa 30 Pfund Schmuggelware, nur ganz kräftige Männer konnten mehr tragen.
Der Kaffe wurde auf dem Rücken und der Brust verteilt, so daß man leichter gehen oder laufen konnte.
Oft waren die Zöllner hinter den Schmugglern her, und diese mußten ordentlich Fersengeld geben.
Manches Pfund Kaffee wurde dann einfach weggeworfen.
Der Gang war umsonst.

Oft standen die Schmuggler, wenn sie ihre Tour geschafft hatten, am Sonntagmorgen hinten in der Kirche in der Frühmesse.
Damals gingen noch alle regelmäßig zur Kirche, auch alle jungen Leute.
Manch einer nickte schon mal ein, da die Reise nach Belgien und zurück doch sehr anstrengend war.
Mit dem Schmuggel konnte man viel Geld verdienen, doch meist wurde der Tauschhandel nur betrieben, um die nötigsten Dinge anzuschaffen.
>Kopfschmerzen< vom vielen Geld hatten nur wenige.
Trotzdem wollen einige beobachtet haben, daß ein ortsbekannter Schmuggler sein gezählt haben soll.
Bei etwa 200 000,00 RM soll er mit dem Zählen aufgehört haben.
Ich halte diese Geschichte für unwahr.
Fest steht aber, daß alle Schmuggler immer genügend Geld in der Tasche hatten und sie sich viel bessere Dinge erlauben konnten als andere.
Für damalige Verhältnisse waren einige Schmuggler schon reiche Leute.
Die meisten jedoch haben das meiste Geld im jugendlichen Leichtsinn verjubelt.
Neben dem Schmuggel wurde auch Schnaps gebrannt.
Dies war natürlich streng verboten, da man ja Korn dafür verwenden mußte, um edlen Schnaps zu brennen.
Korn war aber als Rohstoff für Brot unentbehrlich.
So hatten die , wenn sie erwischt wurden, mit empfindlichen Strafen zu rechnen.
Auch aus Kartoffeln oder Rüben wurde Schnaps gebrannt, dieses Produkt nannte man bei uns Knolli Brandy.
Viele Burschen, die heil aus dem Krieg nach Hause gekommen waren, haben diesen Schnaps bei Kirmes oder anderen Festlichkeiten getrunken.
Dies war nicht ungefährlich, da man die Alkoholkonzentration und die Alkoholart nicht bestimmen konnte.
Ein Brummschädel für mehrere Tage war nicht das schlimmste.
Oft wurden die jungen Leute nach dem Alkoholgenuß auch blind.
Doch nach wenigen Tagen war auch dieses Unheil überstanden, und man konnte die nächste Flasche leeren.

Neben den oben genannten Dingen wurde natürlich mit Naturalien aller Art gehandelt. Butter, Eier, Speck, Schinken, Gemüse und Kartoffel zählten dazu.
Schweine, Rinder und Kühe wurden >schwarz< geschlachtet, d.h. ohne Genehmigung.
Jedes Tier war gezählt, und der Bauer hatte über den Verbleib eines jeden Stückes Großvieh Rechenschaft abzugeben.
Hier in Harscheidt im sogenannten Scheffers Hof wohnte Willi Ritter.
Ihm fehlte zwar ein Bein, doch da er Metzger war, konnte er hervorragend schlachten und einen schwunghaften Handel mit dem Fleisch treiben.
Doch wurde er auch eines Tages erwischt und vor Gericht gestellt.
Seine Strafe, die er erhalten hat, ist nicht bekannt.

Jeder mußte zusehen, daß er sich alles Nötige zum Leben und zum Bau seines Hauses verschaffte.
Das Schmuggeln war dabei die leichteste, oft aber auch die gefährlichste Möglichkeit.
Im Jahre 1947 kam Pfarrer Bayer nach Schmidt, nachdem Kaplan Jordan und Pater Junge versetzt worden waren.
Er war für die damalige Zeit ein fortschrittlicher Priester.
Sein Gottesdienst war kurz, aber sehr eindrucksvoll.
Da die Kirche total zerstört war, organisierte er einen , um zunächst die Trümmer des Gotteshauses zu beseitigen und so den Wiederaufbau einzuleiten.
bedeutet, daß alle sich beteiligen mit der Hand, mit der Hacke und Schaufel, Spanndienst bedeutet, daß man ein , Pferde- oder Ochsengespann, zur Verfügung stellen kann.
Trotz dieser ehrenamtlichen Arbeit war das Geld für den Bau der Kirche knapp.
Es gab eine Monatssammlung.
Hier verpflichtete man sich, jeden Monat einen bestimmten Betrag für den Aufbau der Kirche zu leisten.
Dieser Betrag wurde dann von den Mitgliedern des Kirchenvorstandes eingesammelt.
Wenn Kirmes war oder ein anderes Tanzvergnügen, ging Pfarrer Bayer an den Tischen vorbei und sammelte Geldspenden ein.
Doch oft war er über das Ergebnis der Sammlung enttäuscht, da sie nicht seinen Erwartungen entsprachen.
Da Pfarrer Bayer genau wußte, was seine Pfarrkinder so heimlich trieben, entschloß er sich, ihnen eine Predigt zu halten.
Sinngemäß lautete diese Predigt etwa so:

“Liebe Pfarrkinder, ich kenne Euer Treiben, und ich weiß, daß ihr dabei viel Geld verdient, ich weiß auch, daß einige von euch Kopfschmerzen haben, weil sie zu viel Geld haben.
Ich habe Kopfschmerzen, weil ich kein Geld zum Bau der Kirche habe.
Wie wäre es, wenn ihr mir da etwas helfen würdet?
Ich denke da so an ein Zehntel, wenn ihr heil nach Hause gekommen seid.”

Obwohl nichts Konkretes gesagt war, wußte jeder Bescheid.
Pfarrer Bayer bekam seinen Zehnten.
Der Bau der Kirche konnte weitergehen. Die damals meist geschmuggelte Kaffeesorte hieß >Mocca Türk<.
Diesen Namen übertrugen die Schmidter und auch der Bischof von Aachen bei der Einweihung im Jahre 1950 auf unsere heutige Pfarrkirche, und so heißt sie bis heute
auch .
Unter diesem Namen ist sie weit über die Grenzen von Schmidt bekannt.
Geweiht ist unser Gotteshaus dem heiligen Hubertus.
Er ist der Patron der Jäger, er soll aber auch der Schutzheilige der Schmuggler sein.

Quelle: Ludwig Fischer