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Die Kuh im Mienenfeld

Geschrieben von: Ludwig Fischer

Es war im Herbst 1945.
Fast alle Einwohner von Schmidt waren wieder in die Ruinen zurückgekehrt.
Nur die Einwohner, die nach Thüringen evakuiert waren, wurden dort von den Russen festgehalten und kamen erst in den folgenden Jahren zurück.
Gegenüber der ehemaligen Schmiede von Karl Winkel in der Nideggener Str. war damals eine Wiese.
Heute steht dort das Wohnhaus der Familie Frank Bergs.
Vor der Wiese standen an den beiden Enden oben und unten zur Straße hin zwei Schilder mit der Aufschrift: Danger! Mines not entcleared.
Dies heißt in der deutschen Sprache: Gefahr!
Minen, die nicht entschärft sind.
Oder einfach: Vorsicht Minen!
Dieses Minenfeld war am 3. November 1944 von den Soldaten der 28. US-Infanteriedivision zu ihrem Schutz angelegt worden, die bis zur Froitscheidter Straße damals Schmidt besetzt hatten.
Da niemand diese Wiese bisher betreten hatte, wuchs dort das Gras in voller Pracht, und so war es nicht verwunderlich, dass mancher mit dem Gedanken spielte, dieses Gras zu mähen, um Futter für sein Vieh zu haben, denn Futter war damals knapp.
Doch die beiden Schilder hinderten jeden daran, dieses Minenfeld zu betreten.
Maria Winkel war mit ihren Kindern Oswald und Ottilie aus der Evakuierung zurück.
Es war ihr gelungen, eine Milchkuh aufzutreiben, die natürlich auch das entsprechende Futter erhalten musste.
Wie es damals üblich war, band Maria der Kuh eine Leine um die Hörner, damit die Kuh nicht weglaufen konnte und ließ sie zunächst im Straßengraben weiden.
Doch das Gras lockte die Kuh immer wieder auf die Wiese.
Und so geschah es, dass die Kuh dann immer weiter auf die Wiese zum Grasen vordrang und schließlich auf dieser weidete.
Maria stand auf der Straße und da sie eine sehr gute Stimme hatte, sang sie ganz laut und vernehmlich das Lied: Großer Gott, wir loben dich…
Sie sang dies so laut, dass wir das Lied bis zum Froitscheider Weg hörten.
Wir kamen gerade aus der .
Es war kurz nach 16 Uhr, als wir am Hause Dichanr vorbei kamen.
Auch Paul Dichant muß wohl den Gesang der Frau Winkel gehört haben.
Er kam gerade aus dem Hof und erblickte die Kuh im Minenfeld, wie sie friedlich beim Weiden war.
„Ach du lieber Gott! Was macht Marriche (so wurde Frau Winkel allgemein genannt) denn da?“
Zu uns sagte er:
„Ihr könnt jetzt nicht weiter gehen, das ist zu gefährlich. Wenn eine Mine explodiert, könnt ihr verletzt werden.“
Wir warteten ab und blieben am Haus Dichant stehen.
Paul rief jetzt der Frau Winkel zu, dass sie vorsichtig die Kuh zurückholen solle.
Diese wunderte sich und fragte warum.
„Das sage ich dir später“, antwortete Paul, „hol zuerst die Kuh zurück! Aber vorsichtig!“
Maria folgte der Aufforderung von Paul und zog vorsichtig die Kuh mit der Leine aus der Wiese heraus.
Als diese wieder im Straßengraben war, gingen wir weiter, Paul ging zu Frau Winkel und sagte:
„Marriche, hier ist ein Minenfeld, hier auf der Wiese liegen Minen.“
„Woher soll ich das denn wissen?“ fragte Frau Winkel zurück.
„Das steht hier auf dem Schild“, erklärte ihr Paul.
„Ich kann kein Französisch“, erklärte Frau Winkel.
„Es steht ja in Englisch hier“, antwortete Paul.
„Kann ich auch nicht“, erwiderte Frau Winkel.
Am Ende waren alle froh, dass es keine Explosion gegeben hatte.
Und jetzt war das Lied: Großer Gott, wir loben dich richtig angebracht.