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Der Kampf um Schmidt

Geschrieben von: Ludwig Fischer

Schon Anfang Oktober war Schmidt Ziel der amerikanischen Führung gewesen.
Doch zwei Angriffe scheitern.
Die Amerikaner wollen die deutschen Truppen im Raume Monschau >im Rücken angreifen<.
Dazu wollen sie die Hochebene von Schmidt als Ausgangsbasis haben.
Je näher die Front an Schmidt kommt, um so größer wird die Sorge der Wehrmacht.
Für sie steht fest, daß die Amerikaner den Rursee angreifen wollen.
Der diente als Nordflanke für die geplante Ardennenoffensive.
So wurden Pläne für die Verteidigung von Schmidt aufgestellt.
Diese Pläne sind am 3. Nov. 1944 fertig.
Genau an diesem Tage wird Schmidt von den Amerikanern angegriffen.
Die Verteidigungspläne werden unverzüglich in die Tat umgesetzt.
In wenigen Stunden ist die Artillerie feuerbereit. Die Infanterie, die sich hier erholen soll, erhält den Befehl, sofort den Gegenstoß durchzuführen und Schmidt >feindfrei< zu machen.
Über Vossenack kommend greift die 28. Amerikanische Infanteriedivision am 2. Nov. 1944 an.
Heftiges deutsches Artilleriefeuer hält sie jedoch in Vossenack fest.
Am 3. Nov. geht der Angriff weiter.
Die Amerikaner überqueren die Kall, gelangen auf die Höhe von Kommerscheidt und haben am späten Nachmittag Schmidt erobert und zwar von Kommerscheidt kommend Richtung Osten bis zur Froitscheidter Straße., Richtung Südosten die Heimbacher Straße bis etwa in der Kurve am Haus Jung.
Das 112. Infanterieregiment hatte die Aufgabe übernommen.
Ohne große Schwierigkeiten wird Schmidt eingenommen.
Es gibt kaum Gegenwehr, nur einige Melder des deutschen Infanterieregimentes 272, das zur gleichen Zeit im Buhlert und im Raum Simmerath – Strauch in Stellung geht, werden gefangen genommen.

Die Amerikaner haben keine schweren Waffen dabei.
Außerdem ist das Wetter schlecht.
Es gibt Nebel, Nieselregen und Schnee.
Sie übernachten auf den Wiesen, nicht in den leer stehenden Häusern.

Am 4. Nov. 1944 beginnt der Gegenangriff der Deutschen.
Es werden eingesetzt die 89. Infanteriedivision mit den Infanterieregimentern 1055 und 1056, der Kampfgruppe Schwerin Pionierbat. 189, mehrere Luftwaffenfestungsbat und mehrere Fallschirmjägerabteilungen, die in den meisten Aufzeichnungen nicht erwähnt sind, jedoch von Harscheidt her angreifen.
Die deutsche Artillerie ist rund um Schmidt eilig in Stellung gegangen.
Sie steht in den Wäldern hinter Schmidt Richtung Heimbach und Brück sowie auf den Höhen von Bergstein und Brandenberg.

Um 8 Uhr beginnt der Gegenangriff.
Zunächst beschießt die deutsche Artillerie die amerikanischen Stellungen.
Doch die Amerikaner legen eine >Glocke aus Artilleriefeuer< um ihre Truppen, als die deutsche Infanterie angreift.
Diese kann sich nur im >Sprung auf< vorwärts bewegen, es gibt kaum Geländegewinne.

Doch das Artilleriefeuer der Amerikaner läßt allmählich nach.
Dies hat zwei Gründe:
Die vorgeschobenen Beobachter sind gefallen, und die Amerikaner haben keine Munition mehr, da der Nachschub nicht rasch genug die Stellungen der Artillerie erreicht.
Zehn Sturmgeschütze unterstützen den Angriff.
Sie gehören zur Kampfgruppe Bayer.
Ihr Kommandeur ist Leutnant Schmidt.
Am Abend des 3. Novembers wurden dieses Sturmgeschütze in Harscheidt
in Bereitschaft gestellt.
Da die Gegenwehr der Amerikaner zu groß ist, fahren fünf Sturmgeschütze über den Kleintierscheidt und greifen von der Heimbacher Straße an.
Matthias Hutmacher, ein Junge aus Schmidt, hat diese fünf Fahrzeuge geleitet.
Sie unterstützen die Infanterie, die jetzt die Amerikaner in der Dorfmitte um Schule, Kirche, Hotel Roeb und Kommerscheidter Str. zusammendrängen und erbarmungslos zusammenschießen.
Mehrmals können die Amerikaner noch mal etwas Boden gewinnen, doch gegen 12 Uhr müssen sie sich, nach einem erneuten Feuerschlag der deutschen Artillerie Richtung Kommerscheidt zurückziehen.
Ihre Verluste sind sehr hoch.
In einer Feuerpause von etwa 13 bis 14 Uhr werden die Gefallenen und Verwundeten beider Seiten geborgen.
Mit einer Lastwagenkolonne werden die Gefallenen der Amerikaner zurückgebracht.
Vorher wurden sie >in einer langen Reihe von etwa 60 Meter zu vier und fünf übereinander neben der Kirche aus den umgebenden Gärten und Häusern zusammengetragen< so erzählte mir Willi Stoffels.
Er war als Infanteriesoldat im Infanterieregiment 1055 in Schmidt eingesetzt und lebte in Gemünd in einem Altersheim. (Er verstarb im Jahre 2003).
Die deutschen Panzer stehen jetzt in der damaligen Kommerscheidter Str. heute etwa in der Höhe der Häuser Stiel, Breuer, Virnich.

Der Angriff auf Kommerscheidt ist für 14.00 Uhr von der deutschen Seite angesetzt.
Zur Unterstützung kommt jetzt die 116. Panzerdivision, die sog. “Windhunddivision”, mit ca. 15 Panzerfahrzeugen zu den bisher eingesetzten Truppen.
Pünktlich um 14.00 Uhr beginnt die Artillerie mit dem Vorbereitungsfeuer.
Die Panzer greifen an.
Doch die Infanterie kann nicht folgen, da die amerikanische Artillerie wieder einsatzbereit ist und genügend Munition hat.
Die Infanterie bleibt im Feuer der amerikanischen Artillerie liegen.

Bis 14.00 Uhr ist es Leutnant Fleigh vom 707. amerikanischen Tankbat. gelungen, unter unvorstellbaren Schwierigkeiten sechs Shermans nach Kommerscheidt über den mittlerweile heute berühmten zu bringen.
Einige Zeit später folgen noch vier.
Diese wehren den Angriff der 116. Panzerdivision ab.
Die deutschen Panzer müssen sich zurückziehen.
Die Infanterie gräbt sich vor Kommerscheidt Richtung Schmidt ein.

Bis zum 8. November 1944 wird in Kommerscheidt erbittert gekämpft, oft Mann gegen Mann.
Die Verluste auf beiden Seiten sind enorm.
Schließlich müssen die Amerikaner in der Nacht vom 7. zum 8. November total erschöpft und abgekämpft Kommerscheidt aufgeben.
Auch die Kämpfe im Kalltal und in Teilen von Vossenack sind ähnlich hart und erbittert.
Doch nach vielen Berichten der Amerikaner wird eindeutig festgestellt:
Die Kämpfe in Kommerscheidt waren die härtesten und schwersten, die amerikanische Truppen im
2. Weltkrieg jemals gefochten haben.
Selbst Hemmingway traute sich Wochen später nicht in die Nähe dieses Schlachtfeldes.

Die Bilanz dieser Tage:
Die Amerikaner verlieren in Schmidt und Kommerscheidt bis zum 8. November 3650 Mann.
Die Verluste der Deutschen sind nach Meinung von Gevert Haslob, der im Stab von General Bruns von der 89. Deutschen Infanteriediv. war, genau so hoch.
Im Kalltal und in Vossenack fallen ebenfalls nochmals etwa 3000 Soldaten.
Amerikanische Seiten geben die Verluste dieser vier Tage mit insgesamt 6500 Gefallenen an.
Aus diesen Kämpfen entwickeln sich nun die Kämpfe im Hürtgenwald, die mit der Eroberung von Bergstein Anfang Dezember 1944 in etwa abgeschlossen sind.

Vom 8. November 1944 bis zum 10. Februar 1945 entwickelt sich nun in Schmidt und Kommerscheidt der Krieg zum Stellungskrieg mit allen hieraus sich ergebenden Grausamkeiten.
Besonders gefürchtet bei den deutschen Truppen waren die Ranger, die nachts durch das Gelände schlichen und deutsche Soldaten regelrecht abschlachteten (so W. Dyrhoff aus Berlin, der als Fallschirmjäger vom Dezember 1944 bis zum Februar 1945 in Froitscheidt in den Hängen zum Kalltal hin eingesetzt war).

Da die 89. deutsche Infanteriedivision bei den Kämpfen fast vollständig aufgerieben wurde, wird im Dezember 1944 die 272. Volksgrenadierdivison nach Schmidt verlegt.
Eine Pionierkompanie sprengt am 6. Dezember 1944 den Kirchturm der Pfarrkirche, da dieser der amerikanischen Artillerie als Richtpunkt dient.
Mehrere Angriffe werden noch auf Schmidt unternommen, doch sind es im Grunde nur größere Spähtrupps.
Für Mitte Dezember ist ein weiterer Angriff auf Schmidt vorgesehen.
Doch die Ardennenoffensive verhindert dies.
Die Kräfte der Amerikaner werden jetzt dort eingesetzt.
Nach dem Zusammenbruch dieser letzten Anstrengung der deutschen Wehrmacht, beginnt Anfang Februar der neue Angriff auf Schmidt.
Diesmal rücken die Amerikaner vom Südwesten heran.
Nachdem Steckenborn und Strauch erobert sind, beginnt am 5. Februar 1945 ein Trommelfeuer aus über 1200 Geschützen aller Kaliber auf Schmidt.
Am 7. Februar tritt die 78. amerikanische Infanteriedivision zum Angriff auf Schmidt an.
Zusätzliche Panzer unterstützen sie.
Gegen 9 Uhr haben die Amerikaner das erste Haus von Schmidt erobert.
Es ist heute das Hotel Haus Seeblick.
Damals war es ein einfaches Bauernhaus.
Mit aller Kraft wehren sich die Deutschen, doch der Übermacht der Amerikaner haben sie nun nichts mehr entgegen zu setzen.
Eduard Radermacher, der vorgeschobener Beobachter beim Artillerieregiment 1308 war, das vom November bis zum Februar hinter Schmidt in Stellung war, erzählt:
“Ich hatte Anfang Februar noch fünf russische Geschütze und dazu nur ein paar Granaten aus Frankreich.
Alles andere war von Jabos oder vom Beschuß der amerikanischen Artillerie zerstört worden”

Doch die Verluste, die die deutschen Truppen den Amerikanern zufügen, sind sehr hoch. Zwei Tigerpanzer, die gegen 10.00 Uhr in Schmidt eingesetzt werden, verhindern, daß die Amerikaner weiter in Schmidt eindringen.
Mr. Babcok aus Amerika erzählte mir bei einem Besuch in Schmidt: “Schmidt war für uns die reinste Hölle!”
Am 8. Februar gelingt es einer Kompanie der 78. amerikanischen Infanteriedivision unter großen Verlusten Schmidt im Südwesten (heute etwa Hubertushöhe) zu umgehen und den Wald hinter Scheidtbaum zu erreichen.
Auch Kommerscheidt, Froitscheidt und Harscheidt werden erobert.
Doch erst am 10. Februar ziehen sich die restlichen deutschen Truppen durchs Schlehbachtal über Abenden zurück.
Die Truppen aus Harscheidt und Froitscheidt fliehen durchs Kalltal über Zerkall und überqueren ebenfalls die Rur in Abenden, da die Brücke in Brück unpassierbar war.
Abgesehen von schwachem deutschen Artilleriestörfeuer ist der Krieg in Schmidt beendet.

Die 78. amerikanische Infanteriedivision kommt im Dezember 1944 zuerst in Kesternich zum Einsatz.
Sie wird aber von der 272. deutschen Volksgrenadierdivision dort aufgehalten. Vom 7. bis zum 10. Februar erobert diese Division Schmidt.
Am 10. März überschreitet die gleiche Division die Brücke bei Remagen.
In der Divisionsgeschichte der 78. heißt es zur Eroberung von Schmidt:
Voller Stolz nehmen die Männer aus Alabama, Texas, Kansas, Florida... ihre Gewehre fester in die Hand.
Sie wissen, daß ihnen ein wichtiger Sieg über die Nazis gelungen ist.
Das, was andere (gemeint ist die 28. amerikanische Infanteriedivision) nicht geschafft haben, haben sie erreicht. Das Ende des Krieges rückt damit ein gutes Stück näher.

Noch ein paar Sätze zum Rursee.
Die deutsche Heeresführung erkannte die große Bedeutung der Seen in der Eifel, vor allem als Nordflanke zur Absicherung der Ardennenoffensive.
Daher wurde alles Mögliche getan, sofort den Gegenangriff einzuleiten.
Die eingesetzten deutschen Divisionen und Truppenteile hatten noch 75% ihrer Stärke.
Munition und Sprit waren ausreichend, allerdings nicht im Überfluß, vorhanden.
Diesen Mangel machten die Deutschen jedoch durch ein treffsicheres Schießen wett.
“Sie schießen mit einer unheimlichen Treffsicherheit”, liest man bei den Amerikanern nach.
Bei der 28. amerikanischen Infanterie-Division war der Rursee nicht bekannt.
Sie waren überrascht, mit welcher Heftigkeit die deutschen Truppen ihre Angriffe führten.
“Wir kannten alle Generäle und alle Offiziere in den Stäben der Wehrmacht bis nach Berlin, aber den Rursee 7,5 Meilen vor unseren Linien kannten wir nicht”
Die deutsche Heeresführung erkannte klar, daß, wenn der Rursee in die Hände der Amerikaner gelangte, Deutschland besiegt war.
Schließlich waren alle Anstrengungen der Deutschen jedoch nutzlos:
Noch am 7. Februar wird ein Bat. junger Soldaten nach Schmidt an die Front gebracht.
Am 8. Februar leben von diesen noch etwa 80.
Auch diese sind zum Teil schwer verwundet.
Der befehlshabende Offizier ergibt sich mit diesen jungen Soldaten gegen Mittag an der Kirche in Schmidt den Amerikanern.
Mit der Eroberung von Schmidt ist dann auch die Schlacht um den Hürtgenwald beendet.
Der Kampf um den Hürtgenwald war letzten Endes ein Kampf um Schmidt und den Rursee.
Nimmt man die kleinsten Zahlen, die angegeben sind, so wurden auf beiden Seiten etwa 35000 Soldaten getötet, insgesamt also 70000 Menschenleben vernichtet.
Die Amerikaner erlitten hier ihre größten Verluste während des 2. Weltkrieges.
Einer schrieb mir: “Wir verloren innerhalb 14 Tagen 28000 Mann, während Mac Arthur im Pazifik 28000 in zwei Jahren verlor".
Für die Veteranen der 28. amerikanischen Infanteriedivision ist auch heute noch der Name Kommerscheidt fast gleichzusetzen mit dem Namen Hölle.
Erst im Jahre 1999 traute sich eine kleine Anzahl ehemaliger Soldaten dieser Einheit nach Schmidt.
Sie gehörten zum 112. Infanterieregiment, daß Anfang November 1944 in Schmidt und Kommerscheidt verblutete.
Auf meine Frage, warum sie nicht eher zu uns gekommen sind, antwortete mir Mr. Mosely:
„Würdest Du gerne in die Hölle zurückkehren, wenn Du sie kennen gelernt hast"?
Er fuhr dann fort: “Aber heute ist es schön hier.”
Im Januar 1998 wurde in Kommerscheidt noch ein gefallener Soldat dieser Einheit gefunden, der dort 53 Jahre unentdeckt gelegen hatte.
Insgesamt sieben mal habe ich versucht, mit Veteranen dieser amerikanischen Einheit Kontakt aufzunehmen, leider bisher ohne Erfolg.